Deutschland vs. Algerien: Erste Allgemeine Verunsicherung

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Das 2:1 nach Verlängerung im WM-Achtelfinale der deutschen Nationalmannschaft gegen Algerien war aus Sicht der Protagonisten ein Spiel der Marke “Mund abputzen, weitermachen”. Doch so einfach darf man es sich nicht machen.

Nennen wir das Kind beim Namen: Die erste Halbzeit gegen Algerien war wohl die grausigste einer deutschen Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft seit dem schlimmen Turnier 1998 in Frankreich. Damals war im Viertelfinale Schluss. Bei einer Wiederholung der Leistung vom Montag dürfte dies auch anno 2014 der Fall sein. Denn Viertelfinalgegner Frankreich würde vermutlich nicht so verschwenderisch mit den Chancen umgehen, die das DFB-Team den Algeriern im ersten Abschnitt erlaubt hat.

Mit Pauschalurteilen sollte man immer vorsichtig sein, doch in den ersten 45 Minuten haben zehn Schatten ihrer selbst und ein überragender Manuel Neuer mit dem Adler auf der Brust in Porto Alegre auf dem Rasen gestanden. Für das Team spricht, dass nach dem Seitenwechsel die Kontrolle über weite Strecken hergestellt war. So wurde es das erwartete Geduldsspiel – und man konnte von Glück sagen, dass der Gegner zuvor die allgemeine Verunsicherung nicht schon vorentscheidend genutzt hatte.

Was Löw nun aufarbeiten muss

Bundestrainer Joachim Löw wird nun aufarbeiten müssen, wie es zum 45-minütigen Blackout kommen konnte. Die Bedingungen waren mit mehr als gemäßigten Temperaturen bei leichtem Regen so wie an einem normalen Bundesliga-Wochenende – eigentlich ein klarer Vorteil.

  • Eklatant waren aber wieder einmal die Abstände zwischen Angriff/Mittelfeld und Abwehr. Dadurch war frühes Stören quasi ausgeschlossen. Löw hat einen Narren daran gefressen, mit vier Innenverteidigern zu spielen. Die Devise: Dieses Quartett ist so zweikampfstark, dass man eins-gegen-eins-Duelle riskieren kann. Doch wieder einmal war augenfällig, dass über die Außenverteidigerpositionen wieder einmal nichts nach vorne angeschoben wurde. Höwedes war meist defensiv gebunden, Mustafi bis zu seiner Verletzung bemüht, aber ohne auch nur den Ansatz von Gefahr zu erzeugen.
  • Bezeichnenderweise wurde es erst besser, als Philipp Lahm auf seine “angestammte” Rechtsverteidigerposition ging. Löw muss nun einsehen, dass diese Lösung die beste für die weiteren Spiele ist. Zwar dürfte Mats Hummels gegen Frankreich wieder dabei sein, doch Lahm dann erneut ins Mittelfeld zu ziehen und sich so eines Spielmachers über den Flügel zu berauben, wäre beinahe hirnrissig.
  • Weiter vorne drückte allerdings auch wieder der Schuh. Bastian Schweinsteiger fand auch im Zuge der Leistungssteigerung der gesamten Mannschaft nach der Pause nicht viel besser ins Spiel. Der Anführer, zu dem er vor dem Spiel medial stilisiert wurde, war der Münchner abermals nicht.
  • Auf den Flügeln muss man Mario Götze (zu Recht nach schwachen 45 Minuten ausgewechselt) und Mesut Özil (hätte es auch verdient gehabt) ein schwaches Zeugnis ausstellen. Einmal mehr wurde klar, dass beide gute Techniker sind, aber nicht den Zug zum Tor und die Kälte im Abschluss haben. Özil verschleppte immer wieder, selbst vor seinem Tor in der Nachspielzeit der Verlängerung. Bei ihm bleibt einzig die Hoffnung, dass dieser Treffer sein Selbstbewusstsein aufbaut.
  • Ansonsten hat die Einwechslung von André Schürrle zur Pause gezeigt, welche Qualitäten ein Flügelstürmer eben auch haben sollte: Dynamik, direkter Zug, Qualität im Abschluss, Robustheit.
  • Als positive Erkenntnis bleibt: Abgesehen vom überragenden Manuel Neuer hatte jeder Spieler am Montag noch Luft nach oben. Das habe ich allerdings bereits nach dem Ghana-Spiel gesagt, und wenn dieser freie Raum nicht allmählich gefüllt wird und die meisten Spieler an ihre Leistungsgrenze kommen, wird die Reise zum Frankreich-Spiel nach Rio wohl der einzige Auftritt im Maracana sein. Das Finale findet dann eben wieder einmal ohne deutsche Beteiligung statt.

Video: Deutsche Fans nach Algerien-Spiel: Erleichtert, aber unzufrieden:

Originalartikel zu erst erschienen auf www.aktives-abseits.de

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